Die Fakten sind bekannt: Im Waadtländer Gefängnis Bochuz hat ein Häftling in seiner Zelle mutwillig seine Matratze in Brand gesteckt und verstarb danach, weil er nicht rechtzeitig gerettet wurde, an einer Kohlenmonoxidvergiftung. So weit so schlecht. Aber wer ist schuld ?
Was waren die Konsequenzen aus dem „Fall Bochuz“ ? Man hinterfragte gestützt auf ein Gutachten eines ehemaligen Bundesrichters die Verwahrungspraxis und die Gestaltung der Gefangenschaft. Man kritisierte die Wärter, forderte eine Reform des Strafvollzugs und entliess mit Schimpf und Schande dessen Leiterin. Niemand hinterfragte das frevelhafte Vorgehen des Sträflings.
Mag sein, dass es beim Versuch, den als gefährlich geltenden Gefangenen aus seiner selbst angezündeten Zelle zu befreien, zu Verspätungen kam, weil man rigoros die Sicherheitsvorschriften einhielt. Mag sein, dass Fehler begangen wurden.
Was mich an der Sache stört, ist folgendes: Schuld am eigenen Elend sind stets die anderen oder das System.
Nie ist es derjenige, der sein Elend selbst verschuldet hat. So schrieb gar die NZZ (Ausgabe vom 9. Juli): „Ein Häftling im Waadtländer Gefängnis Bochuz ist im vergangenen März wegen Obrigkeitshörigkeit der Wärter gestorben“. Wie bitte ? Nach meiner unbescheidenen Ansicht ist der Häftling primär deshalb gestorben, weil er in seiner Zelle mutwillig seine Matratze in Brand setzte.
Nehmen wir an, ich würde mutwillig auf einer verkehrsreichen Strasse im Zentrum von Bern bei rot die Strasse überqueren und mich praktisch unter das nächst heranfahrende Auto werfen, und würde schwer verletzt liegen bleiben. Und wegen des daraus entstehenden Verkehrsstaus käme der alarmierte Krankenwagen zu spät und ich könnte nicht mehr gerettet werden. Wer wäre dann schuld an meinem Tod ?
Wenn es so wie im Bochuz-Fall liefe, würde ein Bundesrichter dann ein Gutachten des folgenden Inhalts verfassen: Schuld am Vorfall ist die völlig verfehlte technische Strassengestaltung und Verkehrsführung in der Berner Innenstadt. Zudem sei der „Unfall“ massgebend darauf zurückzuführen, dass die Grünphase für Fussgänger viel zu kurz sei. Linke und grüne Politiker würden die gesamtschweizerische Einführung von „Tempo 30 generell“ fordern, inklusive Autobahnen. Man würde den für den Strassenbau und Verkehrsregelung verantwortlichen Leiter des Tiefbauamtes entlassen, zudem den Chef der Verkehrspolizei und jenen der Sanitätspolizei wegen der Verspätungen beim Rettungsversuch.
Bringen wir es auf den Punkt: Schuld am selbst verursachten Elend ist heutzutage nie derjenige, der es sich selbst einbrockt.
Wenn sich morgen ein Bunjee-Jumper (das sind jene Idioten, die sich, an einem Seil befestigt, von einer Anhöhe in die Tiefe stürzen, um dann ihren persönlichen „Kick“ zu erleben) von der Staumauer des Verzasca-Stausees in die Tiefe stürzt und sich dabei den Hals bricht, wird man wohl den Erbauer der Anlage zur Rechenschaft ziehen und fordern, dass die Staumauer auf eine maximale Höhe von 2 Metern reduziert wird. Als Minimalmassnahme müsste man in Bochuz Matratzen aus Asbest einführen, die nicht angezündet werden können.
„Chi é causa del suo mal, pianga sé stesso“ lautet ein sehr intelligentes italienisches Sprichwort.
Will heissen: Für eigenes falsches/schuldhaftes Verhalten ist man primär selber schuld und darf nicht auf das Mitleid der anderen setzen oder auf dasselbe spekulieren. Das aber tun leider heute alllzu viele. Es ist in unserer Gesellschaft zu einfach geworden, eigene Fehler oder Unterlassungen, oft einfach die eigene Faulheit, schlicht und einfach den anderen, der Gesellschaft bzw. dem „System“ anzulasten und sich damit mit einem gemütlichen Leben aus der eigenen Verantwortung zu stehlen; darauf zählend, der Staat (d.h. die anderen) schaue dann schon…
Wer ob eigenem Verschulden gestorben ist, wie der Häftling in Bochuz, kann nicht mehr zur Verantwortung für das eigene Tun gezogen werden. Dass für seinen Tod aber aus ex-richterlicher Warte einzig und alleine die anderen verantwortlich gemacht und bestraft werden, ist ein weiterer Schritt in Richtung Aufgabe jenes erfolgreichen Konzepts, das unserer Gesellschaft zugrunde liegt: Das Prinzip der Selbstverantwortung für das eigene Handeln (oder Unterlassen).
|